Hildesheim, 03.03.2019

Kunstherz inside


Tagsüber ist es selten still genug, dass man ihn hört. Aber nachts, da ist er dann laut und klar, der Herzschlag. Jetzt gibt es Menschen, da wird der Herzschlag begleitet oder auch fast übertönt durch ein feines, helles Summen.

Dieses Geräusch stammt von einem Rotor (oder Impeller), der mit 2500-3200 Umdrehungen pro Minute das Herz in seiner Arbeit unterstützt, das Blut durch den Körperkreislauf zu pumpen. Der Rotor (Impeller) gehört zu einem Kunstherz, genauer gesagt einem ventrikulären Unterstützungssystem (VAD = Ventricular Assistive Device).

VADs werden zum Beispiel eingesetzt bei Menschen mit chronischen Krankheiten wie Herzinsuffizienz, ICM (Ischämische Kardiomyopathie) oder DCM (Dilatative Kardiomyopathie), aber auch bei akuter Myokarditis, akuter Dekompensation bei Klappenvitien, akutem schweren Bakteriellen und viralen Infekt sowie bei PPCM (postpartale Kardiomyopathie). Dabei dienen die Kunstherzen oft als Überbrückung, bis für die Patienten ein Spenderorgan vorhanden ist (Bridge to transplant). Was seltener vorkommt, aber auch möglich ist, dass das VAD überbrückt, bis sich das eigene Herz soweit erholt hat, dass es wieder alleine den Körper versorgen kann (Bridge to recovery). Bei Patienten, die für eine Herztransplantation aus bestimmten Gründen nicht in Frage kommen, ist es ebenfalls eine geeignete Dauerlösung (Destination therapy). Vor dem Einsetzen des VAD liegt die Lebenserwartung bei null bis sechs Monaten, mit Kunstherz überleben mehr als 80% die nächsten zwei Jahre. Manche leben seit acht oder zehn Jahren mit diesem Gerät.

Das erste VAD wurde 1989 eingesetzt, seitdem gab es natürlich erheblichen technischen Fortschritt, vor allem durch die fortschreitende Miniaturisierung der Geräte. Die alten Systeme waren so groß, dass man zur Implantation Schnitte über das komplette Brustbein bis hin zum Abdomen machen musste. Inzwischen sind die Eingriffe minimal-invasiver. Diese Miniaturisierung ist vor allem auch eine Hoffnung für Kleinstkinder.

Neuere VADs verfügen außerdem über die Softwareoption eines künstlichen Pulses. Tragen die Patienten hingegen ältere Geräte in sich, so haben sie sehr häufig keinen ertastbaren Puls, da die Pumpe durchgängig und gleichmäßig läuft. Auch haben sie scheinbar keinen Blutdruck, da bei ihnen die klassische Art und Weise Blutdruck zu messen, in dem man den systolischen und den diastolische Wert ermittelt, nicht funktioniert.

Eingesetzt werden Kunstherzen hauptsächlich in den linken Ventrikel des Herzen, welches im Körper verbleibt, selten rechts oder sogar beidseitig. Die mechanische Pumpe wird dauerhaft durch Strom angetrieben, welchen es über ein Kabel erhält, der Driveline, welche vom Herzen bis außerhalb des Körpers verläuft. Dazu tragen die Patienten zwei Akkus entweder an einem Gürtel, Schultertasche oder Rucksack mit sich. Die Akkus halten abhängig von der Art des Systems 14-20 Stunden. Die Ladezeit beträgt ein bis zwei Stunden. Für die Nacht gibt es ein Netzkabel, mit dem man das Gerät direkt an die Steckdose anschließen kann.

Zusätzlich zu den Akkus gibt es eine Steuereinheit, die ebenfalls am Gürtel oder in den Taschen zu finden ist. Diese empfängt über die Driveline Daten von der Pumpe, zeichnet diese auf, sodass sie später ausgelesen werden können, und gibt Alarm, sollten gewissen Schwellenwerte über- oder unterschritten werden. Die Alarme lassen sich, bis auf die ganz dringlichen, mit einer Taste an der Steuereinheit für zwei Minuten stumm stellen. Manche Steuereinheiten haben interne Batterien, die eine Laufzeit von 30-40 Minuten haben, manche hingegen benötigen ständig Akkus.

Ersatzakkus und –steuereinheit tragen die Patienten in einem Notfallsystem stets bei sich, damit alles (bis auf die implantierte Hauptkomponente natürlich) mindestens einmal ausgewechselt werden kann.

Typische Notfälle eines Kunstherzpatienten sind: 

  • Akute Blutungen: Da VAD-Patienten blutverdünnende Mittel einnehmen, sind sie anfällig für spontane diffuse Blutungen. Mit Geben von viel Volumen kann man hier nichts falsch machen.
  • Technische Probleme: Diese werden auf dem Display der Steuereinheit angezeigt. Mit dabei ist auch der Notfallausweis mit einer Telefonnummer, unter der ein Arzt erreichbar ist. Hier kann auch das Notfallsystem zum Einsatz kommen, worauf auch die Angehörigen entsprechend unterwiesen werden, deshalb sollte man sie im Fall einer Behandlung nicht ausklammern. Wenn möglich, sollte der Patient in die geeignete Klinik (MHH) gebracht werden, da nicht alle Krankenhäuser mit dem Umgang mit VADs vertraut und geschult sind.
  • Low Flow: Dieser Alarm wird auf dem Display angezeigt. Häufige Ursachen sind Volumenmangel, Hypertonus und Arrythmien. Allerdings kann ein abrupter Flussabfall auch auf einen Pumpenthrombus hindeuten.
  • High Watt: Dieser Alarm wird auf dem Display angezeigt. High Watt ist ein Hinweis auf einen thrombischen Verschluss der Pumpe. Hier sollte man sofort Kontakt mit dem VAD Zentrum aufnehmen.
  • Arrythmien: Alle VAD Patienten haben ICD (Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator). VADs können defibrilliert und kardiovertriert werden. 
  • Sepsis: Die Driveline ist die Achillesferse des Systems. Die Austrittstelle aus dem Körper erfordert sorgfältige Pflege, sonst besteht das Risiko einer fulminanten Infektion, da die Driveline bis zum Pumpkörper verläuft und die Infektion an ihr entlang wandern kann. Bei Verdacht auf Sepsis die Wunde in Ruhe und zulassen, erst im VAD-Zentrum oder einer Klinik öffnen lassen, wenn komplett steril gearbeitet werden kann.
  • Stroke: VAD Patienten haben ein erhöhtes Apoplex-Risiko. Hier gilt es, die Standardmaßnahmen durchzuführen und Kontakt mit dem VAD-Zentrum aufzunehmen.

Nicht alle Notfälle müssen mit dem VAD zusammenhängen, wenn das System nichts von sich gibt, sollte man die Pumpe bei der Diagnostik mit einbeziehen. Blutdruck und Puls kann man ruhig versuchen zu messen, aber man sollte sich keine Sorgen machen, wenn man sie nicht findet. Eine Reanimation sollte nicht eingeleitet werden, wenn die Pumpe läuft, aber wenn sie steht, kann sie standardmäßig durchgeführt werden, am besten mit EKG.

VADs ermöglichen den Patienten vieles. Sie haben wieder Zeit mit ihren Lieben. Manche können an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wofür es mutige und verständnisvolle Arbeitgeber und Kollegen braucht. Menschen, die vorher nicht mal mehr vier Treppenstufen gehen konnten, können nun als Walker an einem Stadtmarathon teilnehmen.

Aber die Geräte können nicht das gleiche wie das gesunde Herz. Manches, wie zum Beispiel Schwimmen und bestimmte Sportarten, geht gar nicht mehr.

Aber vor allem ist es psychisch fordernd 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, von einer Maschine abhängig zu sein. Man muss das Gerät annehmen, akzeptieren, dass es zu einem gehört. Zum Beispiel kann man ihm einen Namen geben.

Es gibt Tiefs, es gibt „Seelenschrott“. Und um den aufzufangen, braucht man Unterstützung. Das kann einerseits das VAD-Zentrum sein, andererseits gibt es auch den Verein „PulslosLeben“, der Patienten und Angehörige unterstützt, berät und Infostände in und um Deutschland organisiert.

Der zweite Vorsitzende dieses Vereins und selbst Kunstherzpatient, war zusammen mit einem weiteren Vereinsmitglied und einer Kunstherzkoordinatorin der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover beim DRK Hildesheim und informierten so umfassend wie oben zu lesen über den Umgang mit Notfallpatienten mit Kunstherzen. Und wer wollte, konnte für einen Sonderpreis mit dem Stethoskop dem Summen der Pumpe am Herzen lauschen.